Flugmodus an

Lisa

Ich war lange nicht mehr im Theater. Wir alle wahrscheinlich nicht. Und ich merke, dass es gar nicht mal unbedingt die Inszenierungen sind, die ich vermisse. Es ist das ganze Zusammenspiel an Sinneseindrücken und kleinen Ritualen, die ich so ins Herz geschlossen habe. Wir sind dieses Jahr mit dem Festival von der Erde ins Universum umgezogen, wo wir uns über große Weiten hinweg treffen und unbekannte Gebiete erkunden können. Das ist ziemlich toll. Falls aber jemand ein bisschen Heimweh hat (ich habe es heute), dann gibt es für diese Person eine kleine Reise zurück zum Planeten und zum Theater, wie es dort vielleicht stattgefunden hätte.

Ich stelle es mir so vor:

Es ist Abend und ich zieh mir was an. So ein bisschen was von Papagei, der sich nicht alle Federn geputzt hat. Nicht im vollen Ernste schick, aber schon ein bisschen einen draufgesetzt. Ich nehme Schlüssel, Handy, Portemonnaie und mache mich auf zur U9. Es nieselt ein bisschen, aber es ist warm genug und in der U-Bahn schläft gegenüber ein Kind mit dem Kopf auf dem Schoß eines*r Erwachsenen. Ich mache auch kurz die Augen zu. Die Stationen werden angesagt. Die Türen schließen sich nach dem Signal. Spichernstraße steige ich aus. Ich nehme die Abkürzung über den Parkplatz und am Haus der Berliner Festspiele leuchtet schon der rote Rahmen an der großen Glasfront der Kassenhalle.

Da warten Menschen draußen, kommen an und finden sich. Einige stehen drinnen vor der Kasse, holen Karten ab oder versuchen noch welche zu ergattern. Manche schlürfen was oder knabbern Brezeln. Drinnen gibt es ein großes Geplauder, das ich in einzelne Satzfetzen entwirren oder als Ganzes wirken lassen kann:

Hast du schon das neue…

…nein überhaupt nicht! Ich glaube meine Mutter würde echt nie…

…und dann kam er einfach so und hat sich neben mich gesetzt! Einfach so! Ich hatte gar keinen Bock!

Da drüben. Boah jetzt schau doch nicht so hin, das…

…mich noch nie so geschämt. Es war einfach nur der Horror.

Und keiner hat was gesagt! Ich bin dann halt aufgestanden, zu ihr rüber und hab sie gefragt, ob sie mit mir zusammen das Abteil wechseln will.

…is aber auch total nett. Also wirklich so über nett.

Ich sehe ein paar Freund*innen und alt Bekannte, ich grüße die Menschen an der Bar, es wird geplaudert, es wird sich noch eine Limo geholt.

Langsam wandere ich von der Kassenhalle ins Foyer. In den Ecken liegen graue Sitzsäcke und rote runde Teppiche, die flauschig sind und zum Ausstrecken einladen. Dort sitzen und fläzen andere Grüppchen, manche schauen auf ihr Handy oder zeigen sich was. Ich muss nochmal auf Toilette und stelle mich an. Irgendwann bin ich so weit vorne, dass ich schon bei den Waschbecken stehe und beobachten kann, wie letzte Blicke in die Spiegel geworfen werden. Die Haare nochmal zurecht gezupft, die Augenbrauen noch einmal prüfend gehoben.

Durch die Lautsprecher ertoent der erste Gong, ein Gefuehl der Eile kommt auf.

Als ich mir die Hände wasche, steht neben mir eine ältere Frau, die toll aussieht. Beim Herausgehen sage ich es ihr.

Es gongt zum zweiten Mal, die Mitarbeiter*innen an den Türen lotsen uns zur Seitenbühne. Dafür müssen wir einmal kurz raus und um die Ecke gehen. Vor dem Eingang hat sich eine breite Schlange gebildet, die Tür ist noch nicht offen. Die Getränke werden schnell noch ausgetrunken, ich spiele mit der Eintrittskarte in meiner Hand. Es gibt so ein glucksendes Geräusch wenn ich sie hin und her biege. Dann geht es rein. Vor mir türmt sich eine schwarze Tribüne auf, ich steige ein paar Treppen hoch und suche mir einigermaßen mittig einen Platz.

Als sich die Tür schließt, wird das Geplauder langsam zu einem Gemurmel. Und als es dunkel wird, richten sich die einander zugewandten Körper und zusammengesteckten Köpfe nach vorne. Ein paar letzte Worte werden geflüstert. Ein paar letzte Handys werden ausgestellt. Ich merke jetzt schon, dass die Luft stickig wird. Es ist warm und dunkel und wir sitzen so ganz erwartungsvoll und still nebeneinander. Dieses dunkle, stille Beisammensein in großer Zahl finde ich unheimlich wunderbar. Irgendwie andächtig und geheimnisvoll und gemütlich und sicher. Ich wünsche mir jedes Mal, es würde ein wenig länger so sein.

Dann eine Bühne mit Licht, mit Menschen und Klängen und Fragen und Blicken. Aber vor allem auch die Köpfe der Zuschauer*innen vor und neben mir. Ihre Frisuren leuchten auf, wenn ins Publikum geblendet wird. Ich entdecke gebannte, gelangweilte, wache und müde Gesichter beim heimlichen Umschauen und finde sie mindestens genauso spannend wie das, was auf der Bühne passiert. Jemand muss husten. Irgendwo knistert’s. Und als dann das Saallicht wieder angeht: eine Menge an Applaus und strahlende Schauspieler*innen, Verbeugungen, Zurufe. Beim Herausgehen erste Meinungen zum Erlebten. Was nicht verstanden wurde, woran’s erinnert hat, hm, joa oder boah war das geil. Und ein Abend, der sich noch lange in Gesprächen hält.

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