Was ist ein Systemgegner?

Um die Ensembles schon vor dem Festival kennenzulernen, hat die FZ sie einfach angerufen. Wie in einem Blind Date: Immer ein Redaktionsmitglied mit einem Ensemblemitglied, beide kannten sich vorher nicht. Heute: Shaja von der FZ spricht mit Alexandra von der wo-bo-theater-ag aus Halstenbek.

Um die Ensembles schon vor dem Festival kennenzulernen, hat die FZ sie einfach angerufen. Wie in einem Blind Date: Immer ein Redaktionsmitglied mit einem Ensemblemitglied, beide kannten sich vorher nicht. Heute: Ansgar von der FZ spricht mit Niclas und Rozhina vom Gorki Jugendclub Die Aktionist*innen.

Es klingelt genau einmal, Alexandra geht dran: Haallo.

S: Hi Alexandra! Herzlichen Glückwunsch, dass ihr dabei seid! Magst du mir erzählen wer du bist und wie du zum Theaterspielen gekommen bist?

A: Dankeschön!
Ja, mega gerne! Ich bin Alexandra und wohne in Halstenbek neben Hamburg. Ich bin 19 und hab letztes Jahr mein Abi gemacht. Danach wollte ich eigentlich reisen, aber das hat dann leider auch nicht geklappt. Dann hab‘ ich ein Praktikum beim Hamburger Abendblatt begonnen und seit Januar bin ich dort freie Mitarbeiterin, eventuell beginne ich noch ein Volontariat oder beginne mein Studium Ende des Jahres – aber mal gucken was das Jahr noch mit sich bringt.

S: Und wie kamst du ans Theater?

A: Das ist relativ spontan passiert. Unser Ensemble gibt es schon seit 2016, seitdem bin ich auch dabei. Das war damals spontan, weil zwei Freundinnen von mir zu so einer Testprobe gegangen sind und man dabei ausprobieren konnte, ob es einem gefällt. Ich dachte mir: Geh‘ ich halt mal mit und mich hat es dann von Anfang an fasziniert – es war so cool und anders als das was ich mit Theater verbunden hatte. Es war so ästhetisch, wir sind zu Klavierstücken über die Bühne gelaufen Die Atmosphäre fand ich direkt richtig magisch. Ich hatte voll Lust auf mehr –

S: Liebe auf den ersten Blick sozusagen!

A: Zu Beginn war ich schon etwas unsicher, ob ich so geeignet dafür bin. Ob ich selbstbewusst genug bin. Und ich dachte aber, wenn du es jetzt nicht machst, wirst du es irgendwann bereuen. Wir haben direkt eine Theaterfahrt gemacht für eine Woche und man wächst dadurch zusammen.

S: Wie hat sich denn das Theaterleben für euer Ensemble durch die Pandemie verändert oder entwickelt?

A: Also schon ziemlich krass – Es war von Anfang an sehr schade, weil unsere Premiere an einem Samstag sein sollte und am Freitag wurde die Schule zu gemacht. Das war eine richtig Enttäuschung. Anfangs waren wir sehr sauer auf die Schule aber rückblickend ist ihr Handeln sehr verständlich. In den Monaten danach haben wir versucht alles aufrechtzuerhalten, wir haben dann Videokonferenzen gemacht und Spiele gespielt . Das Besondere an unserer Gruppe ist, dass wir eine richtig freundschaftliche Gemeinschaft sind. Irgendwann haben wir aber gemerkt, dass das nicht ausreicht und haben versucht, online zu proben. Es war aber auch etwas doof, weil wir ja auch schon fertig und bereit waren unser Stück auf die Bühne zu bringen – wir waren einfach mega hyped. Letztes Jahr haben wir auch mal live geprobt, draußen bei einem alten Bauernhof. Wir hoffen jetzt, dass wir im September live spielen können.

S: Euer Stück heißt ja R@uber II mit dem ‚@‘ – magst du mir kurz schildern, worum es in eurem Stück geht?

A: Es basiert auf Schillers Räuber und wir wollten mal ein klassisches Stück machen und mit Sprache arbeiten. Diesmal sollte es anspruchsvoller sein – den Klassiker umformen und modernisieren, neu interpretieren. Die Räuberbande ist von der Basis her gleich geblieben: sie tun sich zusammen in dem Willen, dass sie aus der Gesellschaft ausbrechen wollen und schaden sich selbst, indem sie ein eigenes System aufbauen. Der Ausbruch von Karl gelingt nicht, die Räuber halten ihn auf und bedrohen ihn und seine Freundin. Es dreht sich um die Frage „Was ist ein Systemgegner?“, „Kann man ohne System leben? und baut man sich nicht wieder ein System auf?“ Wir haben auch versucht, die Rolle der Frau einzubringen – Amalia ist schon eine starke Frau, aber kann den gesellschaftlichen Zwängen nicht entfliehen.

S: Was deutet das ,@‘ in „R@uber“ dann?

A: Ursprünglich hieß das Stück normal Räuber – da wir jetzt so viel online machen mussten, haben wir den Titel in Räuber mit @ verändert.

S: Alles, alles online (seufzend), trefft ihr euch denn auch persönlich?

A: Wir proben jetzt ja nicht, logischerweise, weil es keinen live-Auftritt gibt, aber wir treffen uns an dem Wochenende des TTJs und versuchen, die Workshops in der Schulaula zu machen. Letztes Jahr haben wir uns auch an ‘nem Lagerfeuer getroffen und gechillt, wir haben uns einfach lieb als Personen (kichernd).

S: Du sagst ja, ihr seid voll das gute Team und ihr habt euch alle lieb, würdest du denn deine Rolle gegen eine andere tauschen und wenn ja/nein warum?

A: Ich würde meine behalten... theoretisch bin ich Karl, aber ich bin im Grunde „Karline“, da wir so viele sind, haben die Brüder jeweils ein Unterbewusstsein und die wurden als Rolle dargestellt. Ich bin in dem Fall die Gedanken von Karl. Mein selbstgeschriebene Texte sind miteingeflossen.

S: Schießt dir denn dann ein Zitat in den Kopf, wenn du an das Unterbewusstsein denkst?

A:Ehmmm.... da muss ich überlegen. Ah ja, mir fällt zum Beispiel ein, es fängt meistens so an:
Kühle. Stille. Kühle Stille... ich kann ein bisschen was vorlesen. Es geht auch viel um Rivalität zwischen Geschwistern:

„Der See wirft kleine Wellen auf, blau und grau. Eher grau, obwohl die Sonne scheint. Franz trägt wieder dieses Hemd, wie der See. Unvorteilhaft für ihn. Betont den undefinierbaren Farbton seiner Haare – Irgendwas zwischen braun und grau. Uneindeutig ist die Farbe, unscheinbar, unwichtig, genau wie seine Augenfarbe... (spricht immer lauter)“ uuund natürlich ein bisschen mehr und lauter, wollte dich jetzt aber nicht anschreien.

S: (kichert) Danke, das ist sehr eindrucksvoll! Hast du noch etwas, dass du unbedingt loswerden möchtest?

A: Ich möchte betonen, dass unsere Gruppe echt toll ist und dass es echt besonders ist, dass wir schon so lange zusammen sind. Wir bedeuten einander echt viel und haben einen eigenen Spirit – dass man gemeinsam an etwas arbeitet und dem auch Bedeutung zuschreibt, finde ich richtig toll an unserer Gruppe und vielleicht am Theater ganz allgemein.

S: Danke für deine Zeit Alexandra, ich hoffe wir begegnen uns auf dem digitalen Festivalgelände.