LASST AMALIA
LEBEN

Fz-Redakteur*innen Miedya und Tabea sind von “R@uber II” von der wo-bo-theater-ag vom Wolfgang-Borchert-Gymnasium Halstenbek erschlagen: Worüber sie sich geärgert haben und von wem sie gerne mehr gesehen hätten.

Applaus, Applaus!

Miedya und Tabea

M: Wir haben gestern Abend zusammen die Aufzeichnung des Stückes 'Die R@uber II' gesehen, das auf dem Schullektüreklassiker 'Die Räuber' basiert. Es war Schillers erste Veröffentlichung als Dramatiker, dementsprechend jung, stürmisch, drängend für seine Zeit ist das Stück. Lass uns drüber reden, wie der Versuch das ins Jetzt zu übertragen bei uns ankam. Wie geht es dir mit dem Gesehenen?

T: Miedya, ich war gestern nach dem Stück ganz schön erschlagen! Das Schreien, die durcheinander gesprochenen Texte, die vielen Schauspieler*innen - ging dir das auch so?

M: Ja und nein. Ich fand es auch ganz schön fordernd aus genannten Gründen, gleichzeitig war mein Kopf während und nach dem Stück auch sehr am Rattern. Ich bin ein wenig mit dem Gefühl rausgegangen, dass mir da etwas deutlich gemacht werden wollte, aber wirklich so doll, dass es schon wieder undeutlich wurde.

T: Den Eindruck teile ich auf jeden Fall. Mir ist deutlich geworden, dass neben dem Originaltext von Schiller auch aktuelle Themen wie Klimawandel, Radikalisierung und Geschlechterrollen angesprochen werden sollten. Leider ist das Stück bei einem: “Schaut her, wie ungerecht das ist!” geblieben.

M: Ach, da würd ich der Inszenierung durchaus noch etwas mehr zusprechen, weil wir ja nicht nur Betroffene der Ungerechtigkeiten dieser Welt gesehen und gehört haben, sondern auch Täter*innen, die wiederum meinten, dass ihre Taten gerechtfertigt seien. Das fand ich schon ganz eindrücklich, diese Abwärtsspirale, die Gewalt auslöst.

T: Dem würde ich nicht widersprechen! Mir geht es darum, dass die Betroffenen nur als Betroffene und die Täter*innen nur als Täter*innen gesprochen haben. Es wirkte auf mich, als hätte die Grundstory des Stücks den Schauspielenden einen Rahmen vorgegeben, den sie nicht hinterfragen und nicht verlassen konnten.

Mehr als Rauf-und-Sauf-Stimmung

M: Voll, das hat mich bisweilen auch arg geärgert. Gerade die Darstellung von Weiblichkeit stieß mir oft auf bzw. dass der Umgang mit den Frauenfiguren im Drama kaum gebrochen wurde(nicht den Räubern, die von weiblich gelesenen Personen gespielt wurden, sondern explizit Frauenfiguren). Franz liefert so viele Plattitüden ab als der arme, unbeachtete, mimimi-missverstandene Typ, der sich total viktimisiert, aber eigentlich in einer Tour Amalias Nein nicht akzeptiert, sie bedrängt und letztlich körperlich übergriffig wird. Da wollt ich schreien! Da würde ich dem Ensemble raten, bereits etablierte Mittel wie den Chor künftig variierter zu nutzen. Der hätte nicht nur Rauf-und-Sauf-Stimmung verbreiten können, sondern das Bühnengeschehen auch kritisch kommentieren und überholte Rollenbilder scharf aufzeigen, statt dass man sie einfach sehr stark und unreflektiert ausspielt.

T: Voll! Hier sind wir bei der grundsätzlichen Frage, was das Zuschreiben von Rollen mit den Menschen macht und wie wir uns dazu verhalten können. Beispiel Amalia: Sie wird zur Betroffenen von Vergewaltigung und hat dadurch innerhalb der Handlung nur die Möglichkeit, zu reagieren. Sie wird nicht selbst zur Akteurin. Ihr Innenleben ist aber sicher ambivalenter. Durch die stolze Haltung der Schauspielerin ist das ganz gut dargestellt worden. Erschossen wurde sie dennoch. Es geht ja nicht nur darum, wie gespielt wird, sondern auch was. Manche Kritik blieb Reproduktion: nur ein noch-einmal-aufführen dessen, was man kritisieren will. Hier wäre mehr Potenzial gewesen - denn in einer präzisen Kritik steckt immer auch die Erweiterung von Handlungsoptionen.

M: Wenn’s nach mir gegangen wäre, hätte Amalia zum Schluss einfach komplett savage gehen können, haha. Karl töten oder selbst Räuberin werden oder so. Die Schauspielerin hätte es sicher tragen können, sie hatte schon so viel Stärke in Szenen, ihre tänzerisch-militante Performance zum Survivor-Remix hab ich z.B. geliebt. Wie fandest du denn die Leistung so als Gruppe?

T: Ich fand die Leistung heterogen. Manche Schauspieler*innen ausdrucksstark, manche zu gewollt. Aber die Choreografien waren toll aufeinander abgestimmt und auch die Interaktion miteinander hat gestimmt. Es war allerdings sehr viel los - und manchmal ging es so drunter und drüber, dass ich die Texte nicht verstanden habe.

M: Es wurde mir häufig zu viel geschrien. Wenn sich bewegt wurde, war es prima. Wenn man gemeinsame Szenen sah, in denen sich bewegt wurde und nicht geschrien, war es mit das Schönste. Das gemeinsame Nachdenken über den Heimatbegriff, abseits von nationalen Grenzen und hin zum persönlichen Erfahren von Heimat, fällt mir da direkt ein. Oder auch die Choreo der Räuberbande, wie sie sich formiert.

T: Ja, da kann ich zustimmen. Ich mochte den Anfang: Die Kugel aus Karls Pistole wurde in Zeitlupe zurück in den Waffenlauf geführt. Dieser typische Einstieg: Das ist passiert, aber spulen wir doch mal zurück und zeigen euch, wie es dazu gekommen ist.

Was bezweckt diese Gewalt?

M: Da sind wir bei dem Problem mit dem ‘was’. Was haben wir gesehen? Eine Menge Gewalt. Was diese Gewalt bezwecken wollte, außer den Ausdruck einer empfundenen Sinnlosigkeit der Welt wie sie gerade ist, blieb ein wenig auf der Strecke.

T: Interessant, dass es für dich um eine Sinnlosigkeit der Welt ging! Ich habe es eher so gedeutet, dass die Narrative und Bilder, mit denen wir aufwachsen, Zugzwänge auslösen. Und ja, mehr Haltung dazu - das wäre schön gewesen! Was löst denn diese Gewalt in dem aus, der sie anwendet? Vielleicht wurde das über die innere Stimme von Karl versucht.

M: Mir gefiel die Bühnenpräsenz Karls innerer Konflikte da sehr. Apropos Narrative und Bilder, nochmal zu Amalia, die lässt mich nicht los. Das weiße Kleid ist ein Klassiker der Theaterbühne - oder ein Klischee. Die Frau auf der Bühne als Unschuld in Person: Weiße-Kleid-Rollen würde ich immer aufbrechen. Hier nochmal meine Aufforderung: Lasst Amalia nicht sterben! Oder lasst sie sterben, aber mit mehr als ihrem Stolz, vielleicht gar mit so etwas wie einem sinnstiftenden Moment. Immer noch irgendwie doofes altes ‘hingebungsvolle, liebende Frau, die alles erträgt, aber wenig handeln darf’, aber wenigstens mit etwas mehr Ausdruck der Ermächtigung.

Wo war die Zärtlichkeit?

T: Das Problem ist nicht, dass es weibliche Figuren gibt, die sich nicht ermächtigen. Es gibt nur viele andere Erlebensrealitäten (zum Beispiel die rachsüchtige Frau) und diese werden zu wenig repräsentiert. Ich war deshalb besonders enttäuscht von der Szene, als Amalia um ihre verlorene Unschuld weint und ein Gruppenmitglied nur erwidert “Och, Amalia”. Da hätte man easy einen Satz wie: “Wo keine Schuld ist, geht auch keine Unschuld verloren” einfügen können. Oder eine andere Form von Begegnung und Trost etablieren. Wo war die Zärtlichkeit?

M: Das macht mich traurig, weil ich das TTJ auch so schätzen gelernt habe als Ort, an dem ich überprüfen kann, ob die Kämpfe, die ich auch schon als Teen gekämpft habe, noch weitergekämpft werden (oft ja, juhu!). Aber auch, ob es da schon gesamtgesellschaftlich gewonnene Schlachten für die jüngere Generation gibt. Mut zur Zärtlichkeit! Dem Darstellen dessen, was man sich wünscht. Andererseits verständlich, wenn man irgendwie einfach den ganzen Druck rauslassen will, in dem man vorhält wie scheiße es vielmals noch läuft.

T: Vielleicht können wir ja schließen mit: Vertraut auf eure eigenen Worte (denn sie waren toll!), eure Präsenz (sie war da!) und eure eigenen Gedanken zu der Wut, die wir alle empfinden. Zu cheesy?

M: UND LASST AMALIA LEBEN. Und nö, ich mag Käse.