Von farblos Verhülltem zu Neon-Chaos // Traurigkeit als Langzeitprojekt

Rosa und Schaja sprechen über den Weg durch die Trauer in hoffnung#dasdingmitfedern vom Jungen Ensemble RambaZambaTheater aus Berlin.

R: Kannst du mir deinen Eindruck beschreiben, als du gestern den Theatersaal verlassen hast? Was nimmst du mit?

S: Ich bin mit einem runden Gefühl rausgelaufen – die einzelnen Elemente des Stücks: die Markierungen auf dem Boden, das betonartige Bühnenbild, die Krähen-Kostüme, der Nebel, Voiceover, Dialoge und Kostümwechsel haben sehr gut ineinander gegriffen. Das übergreifende Thema Trauer wurde mit verschiedenen Mitteln variiert: Im Text kam es als Krähe vor, wie in der Textgrundlage Trauer ist das Ding mit Federn von Max Porter, aber auch in kleinen Alltagsbeobachtungen über Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Wie fandest du den Aufbau des Stücks?

R: Ich verstehe, was du meinst – für mich spannen sich Fäden durch das ganze Stück. Am Anfang des Stücks haften ja überall auf der noch sehr grauen Bühne Magneten mit Wörtern wie Hoffnung, Seele und Federn: Einzelne Wörter, die zwar einen vagen Eindruck von Trauer und anderen Gefühlen geben, aber für sich genommen noch keine wirkliche Beschreibung einer Empfindung liefern. In Monologen und Dialogen der Ensemblemitglieder werden diese Begriffe aufgegriffen und verknüpft - aber nicht schwer und pathetisch, sondern immer wieder ironisch gebrochen: “Du klingst wie ein Kühlschrankmagnet”, sagt ein Ensemblemitglied zum anderen. Ich sehe auch eine Entwicklung - von farblos Verhülltem zu Neon-Chaos, mit den kurzen Schwebe-Intermezzi zweier Spieler*innen in weißen Kleidern. Auch den Bruch am Ende fand ich interessant: Die einzelnen Elemente des Bühnenbildes, wie Kisten, Kleiderhaufen und die weißen, drehbaren Kisten werden zu Ausstellungsobjekten, auf denen jeweils einer der Kühlschrankmagneten steht: SEELE, HOFFNUNG, DING, FEDERN. Die Darsteller*innen führen durch die Ausstellung und erklären die Werke. Für mich hat das eine neue, beinahe ironische Ebene aufgemacht.

S: Das Anfangsbild, in dem zwei Personen in weißen Kleidern durch den Nebel schweben - eine auf dem Hoverboard schiebt die andere im Rollstuhl - war ja eine Art Leitmotiv, das immer wieder vorkam. Anders als die grauen Krähen-Kostüme der anderen Spielenden, die abgestreift und durch bläulich-grüne Kleidung ersetzt wurden, bleiben die weißen Kleider durchs ganze Stück erhalten. Am Ende hat man verstanden, dass die beiden für die Dichterin Emily Dickinson stehen, und ihr schwebendes, elegantes Gedicht “hope is the thing with feathers”, das auch textlich immer einen Bezugspunkt darstellt. Das Gedicht und damit Emily Dickinson bieten einen schönen, rätselhaften Moment, an den man immer wieder zurückkehren kann. Hattest du das Gefühl, dass die Spielenden als Krähen in den grauen Overalls von Anfang an ein Ziel verfolgt haben, wie z.B. ein buntes, prachtvolleres Gefieder zu bekommen, ging es also darum, einen Ausweg aus der Trauer zu finden?

R: Für mich ging es eher um ein Spektrum an Gefühlen als um eine einfache Entwicklung – Verzweiflung, Ohnmacht, Wünsche, auch artikuliert durch die Textelemente, die das Spiel einrahmten. Die Krähen durchlaufen für mich eine Art Metamorphose: von grauen Vögeln zu Papageien, als die Spielenden am Ende ihre Overalls abgelegt und mit farbigem Tape eingerahmt haben.

S: Dabei helfen die Wörter, oder? Die Wörter auf den Magneten werden ja im Stück immer wieder von einer der Personen in Weiß gepflückt und neu angeordnet und können so beschreiben, wie sich auch die Beziehung zur Trauer über die Zeit immer wieder ändert. Wie die Erfahrungen, die man im Leben sammelt, einem helfen, mit unterschiedlichen Situationen umzugehen.

R: Genau, und nicht nur mit der ständigen Neuverteilung der Wortmagnete, sondern auch mit der gemeinsamen Umgestaltung der Bühne wird diese Entwicklung von den Darsteller*innen selbst in die Hand genommen. Für mich ist das auch ein Plädoyer für Aktivismus und Mut zur Veränderung, für Optimismus und, ja - Hoffnung.

S: Sie haben einerseits die Hoffnung stark gemacht und andererseits das “auch mal traurig oder wütend sein dürfen” in ihren Unterhaltungen und als Voice Over betont.

R: Yes, quasi “Traurigkeit als Langzeitprojekt”, so wie sie das im Stück gesagt haben. Das Ensemble hat an vielen Stellen klar gemacht, dass auch das Reden über negative Emotionen kein Tabu sein sollte. Und, dass das Verkriechen in einer Kiste verständlich und für eine Weile in Ordnung, aber vielleicht nicht die beste Coping-Strategie ist.

S: Verschiedene Elemente wie die abgelegte Kleidung waren ja durchgängig präsent - zuerst hatten die Spielenden sie an, am Ende waren sie mit buntem Tape festgeklebt und wurden als Kunstwerke erklärt. Traurigkeit verschwindet zwar nicht einfach so, aber die Einstellung dazu kann sich ändern, sie kann sich verwandeln. Dadurch werden Trauer und Probleme verpackt und somit bewältigbar, überschaubar und erträglich.